

Im Sonntag, 10. Oktober 2021 haben wir unseren Deutsch-Französischen Salon im Kulturzentrum Merlin nachgeholt, der eigentlich im Frühjahr 2021 stattfinden sollte.
Catherine Gebhardt-Bernot und Ralf Kröner gingen der Frage nach, was die Commune eigentlich war: Chaos und Terror, sozialistisches Experiment oder Modell einer sozialen Republik? Anschließende Lesung aus Werken von Emile Zola, Victor Hugo, Jules Vallès, Zeitzeugen der Commune.
Ralf Kröner im Gespräch mit Catherine Gebhardt-Bernot
Tankred Dorsts Drama über die Münchner Räterepublik wurde im Jahr 1968 im Stuttgarter Staatstheater uraufgeführt. Wir durften mit der Schule eine Aufführung besuchen und waren fasziniert. Revolution, Räterepublik – diese Themen waren für meine Freunde und mich – wir waren damals 16 - unglaublich spannend. Und als dann drei Jahre später an 100 Jahre Pariser Commune erinnert wurde, war unser Interesse noch gewachsen.
Damals waren die Fragen, die die Commune aufgeworfen hat, sehr aktuell, wie der Publizist Sebastian Haffner in einem Essay für die Zeitschrift „Stern“ im Frühjahr 1971 schrieb:
„In den 72 Tagen der Pariser Commune ging es zum erstenmal um Dinge, um die heute in aller Welt gerungen wird: Demokratie oder Diktatur, Rätesystem oder Parlamentarismus, Sozialismus oder Kapitalismus, Säkularisierung, Volksbewaffnung, Frauenemanzipation – alles stand in diesen Tagen plötzlich auf der Tagesordnung, von allem findet man in der Commune spontane Urformen.“
Das schrieb Haffner vor 50 Jahren und ich denke, ein Großteil der Fragen sind immer noch oder auch wieder im Jahr 2021 aktuell.
Was bedeutet der Name Commune?
Commune bedeutet Gemeinde. Geht es also um kommunale Selbstverwaltung? So einfach war es nicht. Was die Commune eigentlich war oder sein sollte oder könnte, darüber gab es damals unterschiedliche Auffassungen und viele Diskussionen. Man kann sie nur verstehen, wenn man sich anschaut, wie die Forderung nach der Commune entstanden ist:
Nach der Niederlage Napoleons III. gegen die deutschen Truppen in Sedan und seiner Gefangennahme durch die Preußen wurde am 4. September 1870 in Paris die Republik ausgerufen und eine Regierung der nationalen Verteidigung gebildet. Bismarck gab sich aber nicht mit der Niederlage einer französische Armee in Sedan zufrieden. Er wollte Frankreich ganz besiegen, um es grundsätzlich zu schwächen und die Vorherrschaft auf dem Kontinent zu erreichen. Er forderte von Frankreich die Abtretung von Elsass-Lothringen und enorme Reparationen. Das konnte die französische Regierung nicht akzeptieren. Der Krieg ging weiter, nun als Volkskrieg gegen die deutschen Eindringlinge.
Im September 2021 trafen sich Schülerinnen und Schüler aus der Gegend von Gurs und aus Darmstadt, Tübingen und Stuttgart. Sie besuchten unter anderem die Euthanasie-Gedenkstätte in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb, sahen gemeinsam eine Film-Dokumentation und erlebten ein Gesprächskonzert in Tübingen mit Lena Spohn, Mezzo Sopran und Mélina Burlaud am Klavier, in dem es um Arbeit und Leben von Künstlern ging, die in Gurs interniert waren.
Im großen Kursal in Stuttgart Bad Cannstatt konnten am 17. September Erwachsene das Gesprächskonzert „Kunst im Lager Gurs - der Glaube an das Schöne hinter Stacheldraht“ erleben. Die deutsch-französische Musikerin Mélina Burlaud hat Texte und Kompositionen aus der Lagerzeit gesammelt.
Gemeinsam mit der bekannten Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager gestaltete sie einen berührenden Abend. Der Historiker Roland Paul führte in das Thema ein.
Link zum Bericht des Gymnasiums
Veranstaltung DGB Stuttgart am 20. Mai 2021
Ich habe vor ziemlich genau einem Jahr einen Vortrag für den Förderverein Deutsch-Französischer Kultur in Stuttgart über 150 Jahre Deutsch-Französischer Krieg von 1870/71 vorbereitet. Damals war mir ziemlich schnell klar, wie das Ganze zu beurteilen sei:
Zwei skrupellose Staatsführer entfesselten in ihrer imperialen Gier einen brutalen Krieg. Der eine war krank, nicht besonders klug und sein Militär war schlecht vorbereitet – Napoleon III., Kaiser von Frankreich. Der andere – der preußische Ministerpräsident Bismarck – verfügte über eine besser organisierte Armee und war hoch intelligent und gerissen. Schnell zeigte sich, dass Preußen und seine süddeutschen Verbündeten Frankreich militärisch überlegen waren. Trotzdem waren sie nicht bereit, einen milden Frieden abzuschließen. Die Deutschen beendeten den Krieg erst, als Frankreich am Boden lag und hohe Verluste erlitten hatte. Durch den harten Friedensvertrag, der Frankreich das Elsass und Teile von Lothringen wegnahm und dem Land hohe Reparationszahlungen auferlegte, wurde es noch zusätzlich geschwächt. Welche bösen Folgen diese kurzsichtige Politik hatte, zeigte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Jetzt geht es um 150 Jahre Pariser Commune, und ich gestehe, dass ich auch nach intensiver Beschäftigung mit dem Thema immer noch danach suche, wie das Geschehen des Frühjahrs 1871 in wenigen Worten zu beschreiben und zu beurteilen sei. Aber wahrscheinlich ist das gar nicht möglich.
In der Commune gab es großartige Initiativen, Heldentum, chaotische Desorganisation und Böses, helle menschliche Fixsterne, Planeten - in altmodischem Deutsch 'Wandelsterne' - und schwarze Löcher.
Also es hilft nichts, wer eine Haltung zur Commune finden will, muss sich mit den vielen einzelnen Ereignissen und Beteiligten beschäftigen, mit den unterschiedlichen Facetten dieses ersten Versuchs der Menschheit, eine demokratische und soziale Ordnung zu errichten.

Ralf Kröner hält seinen Vortrag.
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Vor einem Monat haben wir nach einem halben Jahr Pause wieder zu einem Salon eingeladen. Thema war der deutsch-französische Krieg vor 150 Jahren und seine Folgen. Rund 20 Gäste kamen und das anschließende Gespräch verlief sehr lebendig. Im Mittelpunkt der Diskussion stand das Schicksal von Elsass-Lothringen, das nach dem deutschen Sieg Teil des neuen deutschen Kaiserreichs wurde, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung dieses Gebiets dies nicht wollte. Diese Annektierung beeinträchtigte das Verhältnis der beiden Länder nachhaltig, die Folgen prägten die europäische Politik bis weit in das 20. Jahrhundert.
Ich hatte im Gymnasium im württembergischen Schorndorf einen im Großen und Ganzen guten und gründlichen Geschichtsunterricht. Ausführlich wurden das 19. Jahrhundert und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts behandelt. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870 und 71 kam auch vor, aber ich erinnere mich so daran, dass er als relativ harmlos dargestellt wurde, vor allem als Vorspiel zur deutschen Vereinigung behandelt wurde. Das ist vielleicht verständlich, wenn man bedenkt, was hinterher kam, das Jahrhundert der Katastrophen mit seinen Weltkriegen, Zivilisationsbrüchen, Völkermorden.
Auf jeden Fall war dies meine Sichtweise, als mich vor einigen Jahren Kollegen aus dem Saarland in ein sympathisches Restaurant nach Frankreich einluden. Es liegt auf einer Anhöhe namens Spicherer Höhen, ungefähr 10 km von der Saarbrücker Innenstadt entfernt. Direkt hinter dem Gasthof ist ein steiler Abhang, an dessen Fuß die Grenze zu Deutschland verläuft.
Die Freude aufs gute französische Essen wurde dann allerdings stark getrübt, als ich den Text las, der auf einem Gedenkstein steht, der dort aufgestellt ist. Am Nachmittag des 6. August 1870 griffen preußische Truppen französische Einheiten an, die auf den Spicherer Höhen lagen. Bis zum Abend gelang es ihnen, die Franzosen aus ihren Stellungen zu vertreiben. Deshalb gibt es in Berlin bis heute die Spichernstraße und eine gleichnamige U-Bahnstation.
Die „heldenhafte“ Erstürmung der Spicherer Höhen war vor allem ein grauenhaftes Gemetzel; wie im Rausch schossen die Gegner erst auf einander und bohrten sich dann im Nahkampf die Bajonette in die Leiber. Innerhalb weniger Stunden wurden 5 000 deutsche und 2 000 französische Soldaten getötet oder verletzt, 2 000 Franzosen gerieten in Gefangenschaft.
Der Deutsch-Französische Krieg war alles andere als harmlos. Er wurde mit äußerster Härte geführt. Nicht nur wurde der Gegner in keiner Weise geschont, auch die eigenen Leute wurden in großer Zahl geopfert. Wobei man wohl feststellen muss, dass zu Beginn des Krieges die deutsche Seite mit ihren Soldaten rücksichtsloser umging als die französische.
Die Franzosen hatten die besseren Gewehre. Ihre 'Chassepots' trafen noch auf 1 200 m Entfernung tödlich, die deutschen Gewehre hatten nur etwa die halbe Reichweite. Dafür war allerdings die preußische Artillerie mit ihren Krupp-Geschützen den französischen Kanonen überlegen und richtete schreckliche Massaker an.
Die Soldaten wurden mit der Eisenbahn an die Front gefahren. Der 70er Krieg war einer der ersten industriellen Kriege, fabrikmäßig geplant, vorbereitet und geführt.
Wir trauen um Christoph Franz, deutsch-französischer Schauspieler, der oft für unseren Verein gespielt hat (letzens bei „Auf Leben und Tod“, aber vorher als Hauptrolle in „Phedre und Phaedra“, und auch tätig unter Anderen in „Karneval der Mörder“, „Garten-Party bei George Sand“, oder „Les bienveillantes“).
Simone Rist war seine große Partnerin im Verein: „Es war mir so eine Freude mit ihm zu arbeiten. Es war mir ein tolles Vergnügen, mit ihm in „A la vie, à la mort“ die verschiedenen Rollen zu kreieren. Er war auch so präsent und eine tolle Hilfe für die ganze Truppe.“
Jörg-Henning Rössig: „Ich selbst habe ihn erst im Januar 2017 bei den Proben des Stücks von Simone „Auf Leben und Tod“ und bei den Aufführungen in Stuttgart, Tübingen und Esslingen erlebt, kennen und schätzen gelernt. Wir hatten kürzlich auch die Idee, ihn zu unserer 25-Jahr Feier im Mai wieder auf unsere Bühne zu holen, als wir erfuhren, dass er schwer krank sei. Die Bühne war sein Leben. Das wird auch dadurch deutlich, dass er noch für die Französischen Wochen 2020 jetzt im März mit Alain Fougeras an der Gitarre französische Chansons vorstellen wollte...“
Nicolas Rist war mit ihm befreundet: „Er war immer hilfsbereit und freundlich, sehr intelligent (Schauspieler aber ausgebildeter Chemiker und Architekt, toller Kartenspieler), mit dem ich immer Spaß am debattieren hatte. Ein Ankerpunkt in Stuttgart ist für mich verschwunden.“
Er hat in letztler Zeit hauptsächlich im Studiotheater gearbeitet. Unsere Gedanken gehen an seine Kollegen, seine Freunde und natürlich seine Familie.
Hier im Bild als Gustave Flaubert in „Garten-Party bei George Sand“...
März 2020
Nicolas Rist
Hier können Sie den Nachruf der Stuttgarter Zeitung lesen.